Der Netzbewohner: Die vielfältigen Ebenen unserer Wirklichkeit



Wir haben, schließlich, damit zu leben begonnen. Wir entstammen ja noch einer Generation, die Leben ohne das Netz kennt. Wir hatten Computer, und irgendwann hat man die zu verbinden begonnen, etwa, um Daten auszutauschen. Heute tauscht man nicht mehr aus. Der Netzbewohner hat eine ganz andere Perspektive- diejenige derer, die mit dem Netz aufgewachsen sind, die es als ihre normale natürliche Umgebung ansehen, als etwas, was einen Teil ihrer Realität nicht nur einnimmt, sondern auch auf alles andere abfärbt. Man teilt das Wissen nicht, sondern verfügt darüber- jederzeit, überall. Der Netzbewohner holt sich die Informationen, die Dateien, die Vergnügungen, die er gerade braucht. Man wächst in das Netz hinein, nicht nur intellektuell und kommunikativ, sondern als Auswuchsform des eigenen Selbstgefühls und Intellekts. Die Art, wie man es nutzt und gestaltet, ist Teil der eigenen Physiognomie geworden. Man hat eine Netz-Identität, ein Alter Ego, das nicht immer – oder sogar selten- genau das abbildet, wie man sich im täglichen analogen Leben gibt und selbst empfindet. Der Netzbewohner teilt Chats, Mails, Social-Networks, Twitter, Newsreader, Literatur (über das Kindle u.a.), Kino, digitales Fernsehen, Diskussionsforen, Foto- Netzwerke, Spotify-Musiklisten, Comments in Blogs, auch von Zeitschriften und Printmedien. Er kommuniziert, bewertet, kommentiert, und findet dabei im Netz immer neue Artikulation und Medien.

Das ist das eigentlich Innovative am Netz: Es erfindet sich permanent neu, in immer neuen, immer anderen kommunikativen und sozialen Gestaltungen, in denen sich Netzbewohner ausdrücken und austauschen können. Man kann das Netz nicht mit der Gutenbergschen Erfindung des Buchdrucks vergleichen, denn das Netz multipliziert die medialen Möglichkeiten in immer neuen Gestaltungen, die heute über leicht zu programmierende kleine Apps stetig weiter zu variieren sind und durch Smartphones und Tablets immer mehr Teil des Alltags werden. Das Netz ist eine permanente Buchdruck- Erfindung. Und es ist natürlich ein demokratisches Medium, denn jeder Bürger kann entscheiden, inwieweit und in welchem Maß und mit welchen Methoden er sich Formen und Spiegelungen seines Selbst im Netz verschafft- einen individuellen Netzkörper. Vielleicht baut er sich eine Netzidentität, die provokative Reime in die Welt trägt, mit brüllenden Filmen, die er aus Youtube mit Musik seinem Blog hinterlegt. Vielleicht baut er ein Netzwerk voller Selbstreferenzen via Facebook und Twitter, in denen sich Gleichaltrige gegenseitig Gefühle und Reflektionen hinterher tragen. Vielleicht verbindet er sein Blog mit sozialen Netzwerken und Twitterlisten, das all seine Meldungen, Musikwünsche und Lieblings- Literatur- Zitate widerspiegelt. Jedermann sieht jeden Beitrag in seinem Blog, das wiederum bei Facebook und Twitter gepostet wird, ebenso wie alle seine Fotostreams in die Cloud verlegt werden, von sie jederzeit abrufbar sind- ebenso wie die Spotify-Musiklisten, die er mit seinen Netzfreunden teilt. Vielleicht. Die Ausdrucksmittel sind vielfältig und unergründlich. Man wird mit dem Netz nie fertig werden, es ist die technische Realisation seines Ausdrucksvermögens, es ist ein Sprachorgan, eine Spielwiese. Inhaltlich liegen in seinen digitalen, individualisierten Nischen meist irrelevante, sogar unverständliche Informationen für den, der nicht zu der Interessen- und Altersgruppe des Netzbewohners gehört.

Der Netzbewohner ist ein offenes Buch, aber das ist ihm gleichgültig, die Netzidentität ist eine abgefallene Form von ihm, ein Spiegelwesen im Netz, ein Abbild. Er konturiert sich im Netz, als wäre es ein digitaler Schatten und Schnittmuster- etwas, zu dem wir normalerweise Ich sagen. Das digitale Bild ist etwas zugespitzt, nuanciert, pointiert, weil es doch nur ein Scherenschnitt von ihm ist. Es artikuliert sich nicht selten zu scharf. Es ist so offensichtlich, dass sein Ego im Netz projiziert erscheint- es ist elektronisch auferstanden, aus uns heraus in unsere Netz-Form transponiert. Das ist irgendwie auch entlastend für den Alltag. Wir sehen unsere Formen, und wir denken: Wer sieht es? Wer reagiert? Wie viele Follower werde ich finden, wie viele „Freunde“? Ist meine Netzform relevant?

Aber oft wird diese Präsenz, dieses Hungern nach Gesehenwerden und Anerkennung seiner Netzidentität auch mit Selbstironie und Reflektion durchsetzt. Gerade die ironische, gebrochene Erscheinung in Alltagsrollen und Netzidentität kann auch zu der Frage nach dem führen, der in ihm der Schauende, der Gestaltende ist. Wir sind unser eigener Zeuge. Die Netzidentität macht uns zugleich klar, dass wir mehr sind als unsere Formen. Wir sind auch immer diese Potentialität, diese Beweglichkeit in den Rollen und Gestaltungen. Denk dir, dein Großvater hatte nur eine einzige Rolle im Leben, die gesellschaftlich, sexuell, national, vom Geist seiner Zeit erfüllt war. Der digitale Netzbewohner hat nicht nur Ausdrucksformen- er hat auch eine Variationsbreite davon, je nach Medium, Alter, Situation, Bedürfnis und technischem Entwicklungsstand. Es kann eine Befreiung von normierten Selbstzuschreibungen bedeuten, wenn die Rollen sich mit ihren Manierismen im Netz ausleben können, gebrochen, ironisiert, reflektiert auch von Anderen. Es kann die Frage nach dem aufkommen, was in ihm von Manierismus frei ist, weil es die Formen erst schafft und nutzt, erst mit Willen erfüllt. Ich bin nur die Präsenz vor der Gestaltwerdung. Ich bin die innere Gestalt, die immer neue Formen sucht und aus sich heraus setzt, die sich inkorporiert und ein konkretes Leben zu führen bereit und fähig ist. Aus unserer Gedankenwolke entspringt eine Vogelfeder, die dem Bewusstsein wie ein Form gewordenes Lebendiges entsteigt- eine Formwerdung in der Art glimmernder, hauchdünner, aber doch streng strukturierter innerer Gestalt. Im Lebendigen erfährt man immer neue, unentwegt ungestaltete Gedanken. Wir sind an den Nervenenden des lebendigen Flusses.

Im Netz, zwischen Tweeds, Fotoreihen und Musiklisten, bemerkt der Netzbewohner, dass seine Form und Gestalt wieder an ein neues Ende kommt, die empfindlichen Hotspots rebellieren, und er sieht: Hier, an diesem Punkt bin ich etwas einsam geworden, die Herde, die ich kannte, hat sich offenbar neue Medien gesucht, die Herde zieht weiter und gibt sich technisch eine neue Form, ein neues Forum, eine neue Art des Austauschs. Aber leben, leben kann ich ohne das Netz nicht mehr. Es ist eine Erweiterung meiner geistigen Potentialität, meines Willensrauschens, das etwas ausdrücken möchte, sei es nichtig oder bedeutend, sei es wahrgenommen oder nicht, ist es in jedem Fall einfach nur das: Ausdruck meiner selbst, individuell und sozial zugleich, Kultur schaffend, prägend, verwandelnd- ein zutiefst menschliches Feld.